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Vörwoord

 

Lange galt sie als „verstaubt“, „altmodisch“, „minderwertig“, „primitiv“ oder sogar als „bildungsgefährdend“. Die Rede ist von der niederdeutschen bzw. plattdeutschen Sprache. Gerade solche Einstellungen tragen wohl mit dazu bei, dass das Niederdeutsche neben anderen Regional- und Minderheitensprachen im Zuge der Globalisierung vom Aussterben bedroht ist (vgl. Möller 2008, S. 11). Dennoch ist sie ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Sprachenvielfalt Europas und steht seit 1999 unter dem besonderen Schutz der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (vgl. Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 1992; vgl. Möller 2008, S. 11). Dies bedeutet, dass es ein offizielles Bemühen gibt, die niederdeutsche Sprache zu erhalten und zu fördern. Auch die Bundesrepublik Deutschland hat sich mit der Unterzeichnung der Charta dazu verpflichtet.

 Alte Klischees in Bezug auf die niederdeutsche Sprache wie sie oben angeführt wurden, stehen aber nicht erst seit der Sprachencharta auf dem Prüfstand. Längst haben Wissenschaftler erkannt, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder weniger Schwierigkeiten beim Erlernen weiterer Fremdsprachen haben als solche, die lediglich mit einer Sprache aufwachsen (vgl. Oksaar 1988, S. 14). Die Stigmatisierung des Niederdeutschen als „bildungsgefährdend“ dürfte damit heute entschieden zurückgewiesen werden. Auch in Hinblick auf die zunehmende Globalisierung erfährt das Niederdeutsche als Regionalsprache wieder mehr an Wertschätzung. Gerade in Zeiten sich rasch verändernder wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen wünschen sich viele Menschen einen gegenläufigen Trend: Man sehnt sich wieder nach Vertrautem, Identität, Greifbarkeit und sucht diese Attribute in der Region vor Ort. Sprache allgemein und im Besonderen das Niederdeutsche nimmt hier eine besondere Rolle für das Gefühl der Zusammengehörigkeit ein (vgl. Bundesministerium des Innern 2011, S. 1 ff.; Möller 2008, S. 7).

 Zahlreiche Institutionen und Verbände wie z. B. das Institut für niederdeutsche Sprache (INS) in Bremen, die Emsländische Landschaft, die Ostfriesische Landschaft, die Oldenburgische Landschaft u. v. m. setzen sich deshalb für den Erhalt und die Weitergabe des Niederdeutschen an künftige Generationen ein. Auch auf Hochschulebene ist Niederdeutsch zum Gegenstand von Forschung und Lehre geworden, wie an den Universitäten in Hamburg, Kiel, Oldenburg und Rostock (vgl. Bundesministerium des Innern 2011, S. 32 f.).

 Festzuhalten bleibt, dass seit den 1990er Jahren das Bewusstsein für die eigene Regionalsprache in Norddeutschland gestiegen ist. Zahlreiche Angebote im kulturellen Bereich zeugen von wachsendem Engagement für den Spracherhalt. Nichtsdestotrotz müssen nachhaltige Bemühungen vor allem im Bildungsbereich ansetzen, da hier eine große Verantwortung für die Erhaltung von Kulturgütern liegt. Dies fordert auch die Sprachencharta ausdrücklich und in beachtenswertem Umfang (vgl. Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen 1992, Art. 8, Ziffer 1 c, d).

 

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Quellen- und Literaturverzeichnis

 Bundesministerium des Innern (2011). Regional- und Minderheitensprachen in Deutschland. Niestetal: Silber Druck.

Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (1992). Nichtamtliche Übersetzung. URL: http://conventions.coe.int/treaty/ger/Treaties/Html/148.htm [Stand 15.02.2012].

Möller, F. (2008). Plattdeutsch im 21. Jahrhundert. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Leer: Schuster.

Oksaar, E. (1988). Zweisprachigkeit. Anmerkungen aus psycholinguistischer Sicht. In W. Lindow & C. Schuppenhauer (Hrsg.), Niederdeutsch und Zweisprachigkeit. Befunde – Vergleiche – Ausblicke (S. 9-24). Leer: Schuster.